FlexPro -Flexible Produktionskapazität innovativ managen

Mrz 30, 2012 von

FlexPro -Flexible Produktionskapazität innovativ managen

Flexibilität und Stabilität durch kompetenzbasierte Mitarbeiterauswahl und -qualifizierung

Wissenschaftliche Evaluierung des BMBF-Projekts
Laufzeit: seit August 2011

Ausgangssituation

Die Fähigkeit, innovative und qualitativ hochwertige Produkte zu fertigen und auf den Markt zu bringen, bestimmt in hohem Maß den zukünftigen Erfolg der industriellen Leistungserbringung am Hochlohn-Standort Deutschland. Zukunft gestalten heißt daher, neue Produkte effektiv und effizient zu entwickeln und zu produzieren. Die Sicherung des gewohnten Lebensstandards erfordert dabei offensichtlich adäquate Spitzenleistung an Kreativität und Flexibilität hinsichtlich der Menschen und Organisationen im produzierenden Gewerbe.
Dem Trend der Verlagerung von Produktionskapazitäten aus Deutschland in Richtung osteuropäischer oder asiatischer Standorte kann daher am besten entgegengewirkt werden, wenn diese im internationalen Wettbewerb hinsichtlich Produktivität konkurrenzfähig sind. In der deutschen Automobilindustrie werden dazu Arbeitsinhalte je Arbeitsplatz und Arbeitsperson reduziert. In der Folge ist die nach Ansicht der Fertigungsplaner „perfekte Automobilproduktion“ gekennzeichnet durch eine extrem kurze Taktzeit in der jeder Arbeiter nur wenige Handgriffe auszuführen hat. Flexibilisierungsstrategien für das produzierende Umfeld, wie sie einst – in Form von autonomer Gruppenarbeit – Einzug in die europäischen und amerikanischen Fabriken fanden, erscheinen angesichts des Kostendrucks und des verstärkten Einsatzes von angelernten Leiharbeitnehmern heute überholt.

Das Projektkonsortium ist jedoch gegensätzlicher Auffassung. Die beschriebene
n Entwicklungen in der Automobilindustrie sind kein Leitbild für produzierende KMU, die von der Flexibilität ihrer Produkte und ihres nachgelagerten Produktionssystems profitieren. Modell-Charakter hat diesbezüglich die Luft- und Raumfahrtindustrie, die insbesondere gekennzeichnet ist durch mittelständische Zulieferbetriebe, die

  • einem hohen Kostendruck ausgesetzt sind,
  • ein heterogenes Produktspektrum aufweisen,
  • höchste Qualität der Erzeugnisse erzeugen und garantieren müssen,
  • hohen Auftragsschwankungen unterliegen,
  • hohe Losgrößenunterschiede handhaben müssen und
  • einem Fachkräftemangel ausgesetzt sind.

Der Erfolg dieser Unternehmen und damit verbunden die Sicherung der Arbeitsplätze am Standort Deutschland wird unmittelbar determiniert von der Flexibilität ihrer Organisation und Mitarbeiter. Flexibilität um jeden Preis führt aber nicht zwangsläufig zu einem profitablen Produktionssystem. KMU stehen daher vor der Herausforderung, die richtige Management- und Implementierungsstrategie für das Spannungsfeld zwischen einem stabilen, zieloptimierten Produktionssystem und hochgradig flexiblen Produktionsabläufen zu finden. Der durch seine individuelle Kompetenzausprägung flexible Mensch in Verbindung mit auf ihn abgestimmten, wandlungsfähigen Arbeitsabläufen erscheint dabei als der zentrale Erfolgsfaktor. Die Forschung und insbesondere die ökonomische Managementlehre hat in der Vergangenheit oftmals arbeitsorganisatorische und arbeitswissenschaftliche Inhalte vernachlässigt und nur Teilaspekte der externen Flexibilisierung (Abschluss befristeter Arbeitsverträge, Nutzung von Leiharbeit) als auch der internen Flexibilisierung (Auf- und Abbau von Überstunden, flexible Arbeitszeitmodelle) oder der Flexibilisierung von Mitarbeiterkompetenzen betrachtet. Praxisnahe und zudem umfassende, integrative Lösungskonzepte für die Erhöhung der Flexibilität bestehen bisher nicht.

Handlungsbedarf
Vor diesem Hintergrund fehlt es Unternehmen, deren Leistungsportfolio die Fertigung komplexer Erzeugnisse umfasst, an einem ganzheitlichen Instrument zur Flexibilisierung und Steuerung der Produktionskapazität. Dies gilt insbesondere auch für die Realisierung externer Flexibilität durch den gezielten, temporären Einsatz von Leiharbeitnehmern. Die bisherigen, in der Bundesrepublik und insbesondere in der Automobilindustrie anzutreffenden Ausprägungen von Leiharbeit, genügen aktuell weder den arbeitswissenschaftlichen noch den ökonomischen Anforderungen. Insbesondere wird vernachlässigt, dass eine externe Flexibilisierung in Form von Leiharbeit Auswir-kungen auf die interne Flexibilität des Unternehmens und insbesondere auf das Verhalten der Belegschaft hat. Leiharbeit ist somit als ein wesentlicher Bestandteil eines komplexen Produktionssystems in die Struktur des Entleihunternehmens einzubinden. Dieses System ist dabei im Wesentlichen gekennzeichnet durch den Verleiher, die Leiharbeitnehmer, die Kooperation und Kommunikation zwischen internen Arbeitnehmern und Leiharbeitnehmern, Arbeitsinhalten sowie Arbeitszeit- und Entlohnungsmodellen. Neben den arbeitsorganisatorischen Aspekten kommt zudem der Wandlungsfähigkeit des Produktionssystems eine hohe Bedeutung zu, da dieses auf das Anlernverhalten und die Kompetenzen der Leiharbeitnehmer und die Teamprozesse angepasst werden muss. Eine externe Flexibilisierung durch Leiharbeit kann somit nicht ohne Berücksichtigung anderer Flexibilisierungsaspekte – interne und kompetenzbezogene Flexibilisierung – erfolgen.

Zielsetzung
Ziel ist die Steigerung der Effektivität und Effizienz von Produktionssystemen bei gleichzeitiger Flexibilisierung der Unternehmen durch den gezielten Einsatz von Leiharbeit, bei denen der Leiharbeitnehmer zugleich eine berufliche Perspektive aufgezeigt bekommt. Im Einzelnen werden folgende Teilziele angestrebt:

  • Integration des Leiharbeitnehmers in ein innovatives, wandlungsfähiges Fertigungskonzept – keine maximal mögliche Reduzierung von Arbeitsinhalten um jeden Preis
  • Höhere Identifikation des „temporären“ vom Verleihunternehmen hinzugezogenen Leiharbeitnehmers mit der zu erbringenden Leistung beim Entleihunternehmen
  • Situationsbedingte Umstellung von Fertigungskonzepten unter Einbeziehung von Leiharbeitskapazitäten, bspw. temporäre Umstellung von ortsgebundener Gruppenarbeit auf ein Fließfertigungskonzept in Abhängigkeit von der Auftragslage
  • Arbeitsorganisatorische Entleihkonzepte (Entleihunternehmen – Verleihunternehmen – Leiharbeitnehmer), Bestimmung der benötigten Kosten, Kapazitäten, Kompetenzen. Aufbau von strategischen Kooperationen von Unternehmen bei der Mitarbeiterbereitstellung, um die Flexibilität und Stabilität der Unternehmen zu erhöhen
  • Strategien zur Anlernung von Mitarbeitern und Erwerb von unternehmensbezogenen Qualifikationen bzw. Kompetenzen
  • Gezielte Schaffung von motivationsfördernden Strukturen
  • Entwicklung eines gerechten Entlohnungs- und Zeitarbeitsmodell

In diesem Zusammenhang kommt es darauf an, bestehende Lösungsansätze zu erweitern bzw. neue attraktive und zudem leistungsstarke zu entwickeln und umzusetzen. Der Schwerpunkt liegt dabei nicht auf der unreflektierten Ausweitung und Stärkung von Leiharbeit in KMU auf Kosten konventioneller Beschäftigungsverhältnisse. Vielmehr soll eine externe Flexibilisierung dieser Unternehmen mit Hilfe praxisnaher Konzepte zu einer nachhaltigen Sicherung und Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit führen. Nur wenn der Aufbau langfristiger Beschäftigungsverhältnisse aufgrund unternehmensspezifischer Faktoren nicht möglich ist, greift das auf arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen und zudem auf ökonomischen Kriterien beruhende Konzept einer Integration von Leiharbeitnehmern in Unternehmen.

Web: http://flexpro.info/